Montag, 27. Mai 2019 | News | Blog, Mitgliedernews

Warum wir aufhören sollten, über Agilität zu reden?

Zwar ist Agilität nicht die Antwort auf alle Fragen. Aber das ist nicht der Grund, weswegen wir aufhören sollten, über Agilität zu reden. Viel wichtiger wäre es, endlich auch damit zu starten.

Die Herausforderungen in unserem Alltag werden komplexer. Darunter ist zu verstehen, dass Lösungen sich seltener durch Routine oder Erfahrungen aus der Vergangenheit herleiten lassen, sondern neu erarbeitet werden müssen. Was die letzten Jahre gut funktioniert hat, mag heute nicht mehr die optimale Lösung sein. Wenn zudem der Ansporn ausbleibt, sich stetig verbessern zu wollen, kann ein Wettbewerber bereits morgen erfolgreicher sein.

Wir sollten aufhören, Agilität totzureden und endlich damit starten eigene Erfahrungen zu sammeln. Zumindest sollten wir die Bereitschaft haben, uns offen mit dem Thema zu beschäftigen. Zu lange sind wir dadurch geprägt worden, alles durchdenken zu wollen, bevor wir einen Start wagen. Doch es lässt sich nicht alles im Vorfeld planen. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Planen ließe es sich schon, allerdings wäre der Plan bei der Umsetzung schon obsolet. Und genau hier setzt Agilität an. Sie schafft die Flexibilität, auf Veränderungen kurzfristig reagieren zu können.

Spätestens hier erlebe ich bei meinen Kunden erste Einwände. Häufig wird argumentiert, Scrum sei für die Entwicklung von Software gedacht und daher nicht für die eigenen Zwecke geeignet. Oder auch, bei uns sei alles anders und deshalb könne das mit der Agilität so nicht funktionieren.

Alleine diese beiden Beispiele zeigen, wie schwierig eine Diskussion zu Agilität werden kann. Um es vorweg zu nehmen, Scrum ist nicht gleich Agilität, sondern beschreibt eine von vielen Möglichkeiten, Agilität im Arbeitsalltag umzusetzen.

Aber welche neue Sau wird mit der Agilität nun durchs Dorf getrieben? Erstaunlich ist, dass die Grundlagen der Agilität gar nicht so neu sind. Die Methoden, die gerne im Zusammenhang genannt werden, sind auch schon ein paar Jahre alt. Die erste wissenschaftliche Veröffentlichung zu Scrum von Ikujirō Nonaka und Hirotaka Takeuchi geht auf die Achtzigerjahre zurück. Kanban wurde bereits 1947 von Taiichi Ohno als Produktionsmethode beschrieben. Ja, richtig gelesen, es war das Jahr 1947.

Und auch wenn Agilität als Haltung betrachtet wird, werden dabei die Arbeiten von Douglas McGregor mit der von ihm entwickelten Theorie X aus dem Jahr 1960 zugrunde gelegt (Douglas McGregor, The Human Side of Enterprise, 1960).

Bei meinen Einführungsseminaren zu Agilität bemerke ich oft, dass viele Teilnehmer überrascht reagieren, wenn sie Element des agilen Arbeitens auch aus dem einen oder anderen Kontext kennen. In vielen Fällen wurde es nur anders betitelt. So kennen viele noch den Ansatz der lernenden Organisation, bei dem es um die Etablierung einer Fehlerkultur und dem Willen nach kontinuierlichen Verbesserung ging. Eine Idee, die vor allem in den Neunzigerjahren vielfach diskutiert wurde und deren Elemente sich heute berechtigterweise auch in der Agilität wiederfinden. Oder auch der berühmte PDCA-Zyklus ist erkennbar. Was wir heute als Agilität bezeichnen ist letztendlich eine Sammlung von Best Practises.

Im historischen Zusammenhang ist sicherlich auch interessant, dass die ersten wissenschaftlichen Arbeiten zu agilen Methoden wie Kanban und Scrum gar nicht im Umfeld von Softwareentwicklern entstanden sind. Dem Initiator von Kanban, Taiichi Ohno ging es in erster Linie um die Optimierung von Produktionsabläufen. Und auch Ikujirō Nonaka und Hirotaka Takeuchi beschäftigten sich bei Scrum um neue Arbeitsweisen bei der Entwicklung von Produkten im Allgemeinen. Erst später erkannten Jeff Sutherland und Ken Schwaber, dass sich Scrum sehr gut in der Softwareentwicklung anwenden lässt und verfassten darauf aufbauend den Scrum Guide. Diese historischen Abläufe stehen dem Mythos entgegen, Agilität sei nur etwas für Softwareentwickler. Programmierer haben anscheinend nur früher erkannt, welche Vorteile agile Arbeitsweisen haben.

Agilität ist nicht die Antwort auf alle Fragen. Aber es ist definitiv ein Weg, um Lösungen für komplexe Herausforderungen zu finden. Daher bitte ich Sie, bleiben Sie neugierig. Lesen Sie Bücher über das Thema und besuchen Sie Fachvorträge. Bilden Sie sich eine eigene Meinung und seien Sie offen für neue Ideen. Probieren Sie es aus, ob Agilität zu Ihnen passt. Falls nicht, wäre dies auch eine wichtige Erkenntnis und die Diskussion wäre zumindest auf Basis von Fakten beendet.